Zwischen Straße, Tisch und Abgrund
1.4. Das angeleinte Wildkatzenkind

In einem weitläufigen Park, wo hohe Bäume beide Ufer eines Kanals säumen, gehe ich in der Dämmerung mit dem Mann an meiner Seite und dem massigen Wildkatzenkind entlang. Es drängt vorwärts, unabhängig, erfüllt von etwas, das ihm gelungen ist und sich wie ein neuer Anfang anfühlt. Trotzdem halte ich die Leine fest. Zwischen den dunkler werdenden Stämmen tauchen bereits Tiere auf, ihre Nasen erhoben, witternd. Überall lauern Wölfe, angezogen von der jugendlichen Neugierde des Kätzchens.
Tatsächlich erscheint ein mächtiger Wolf am gegenüberliegenden Ufer, steht still beobachtend vor dem dunklen Grün des Waldes. Wir gehen weiter. Aus der Entfernung tritt nun eine ausgewachsene Raubkatze, hell getigert, zielstrebig unterwegs zur schmalen Sandbrücke.
Wir erreichen die Kreuzung einen Moment vor dem großen Tier. Doch schon spüre ich ihren Atem im Nacken. Das Kätzchen schmiegt sich schwer in meine Arme, während die Jägerin hinter uns nicht ablässt. Der Mann neben mir stellt sich der Angreiferin entgegen, hält sie zurück, bis wir die schmale Barriere erreichen und ich mich durch ihre Sperrstreben quetschen kann.
Ein felsiger Abgrund klafft nun vor uns, schneidet den Weg ab. Ich springe, blind das Kind eng an mich gepresst. Wir landen auf einem porösen Vorsprung, knapp unterhalb der Kante. Über uns ein Büschel Gräser, kaum mehr als ein Hauch von Schutz. Die Raubkatze zieht sich zurück. Der Abgrund bleibt.
Später sehe ich das Kind in einem Amt sitzen, wo es sich um meinen Ausweis kümmert. Es wirkt überdreht fröhlich, fast kindlich aufgeregt, als wäre die vorherige Anspannung plötzlich in eine überschießende Energie umgeschlagen, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern.
Zum Schluss sitze ich mit beiden in einem kleinen Restaurant an der Straße. Die Portionen sind zu klein geworden.


