Wasser, Haut, Grenze
2.1. Nächtliche Bootsfahrt

Es ist Nacht und ein Sommerwind weht sanft über das Wasser, das im Mondlicht glitzert. Ich habe meinen Geburtstag vom Winter in den Sommer verlegt und feiere ihn nun am Ufer eines ruhigen Sees, umgeben von hohen Bäumen, mit ein paar Freunden bei einer Bootsfahrt.
Unter den Gästen befindet sich ein befreundeter Jazzmusiker, den ich eingeladen habe, uns mit seiner Musik zu begleiten. Die Genehmigung für dieses Event musste im Vorfeld mühsam bei seiner Managerin eingeholt werden. Dieses Unterfangen hat meine Überzeugungskraft auf eine harte Probe gestellt. Doch nun schallen seine langsamen Kompositionen über die Stille des Sees.
Die Schwärze des Wassers scheint die Aufregung des Tages verschluckt zu haben. Eine geheimnisvolle Dunkelheit schafft Raum für die angenehmen Klänge, denen wir lauschen. Die Baustelle, die wir zurückgelassen haben, ist in weiter Ferne. Die Entscheidung, diese Nacht auf dem Wasser zu verbringen, war eine Flucht aus dem Alltag. Zu Hause hatten uns Bauarbeiten den Rückzug genommen, und Übernachtungsgäste okkupierten unser Schlafzimmer. Selbst die benachbarte Hausmeisterin mit ihrem Mann und dem kleinen Baby bat um Unterschlupf, um dem Lärm in unserem mehrstöckigen Mietshaus in Berlin Prenzlauer Berg zu entkommen. Selbstlos hatten wir sie willkommen geheißen und stellten sogar unsere Betten zur Verfügung, versuchten im Sitzen am Küchentisch zu schlafen und ertrugen die Unannehmlichkeiten.
Nun, auf dem ruhigen See inmitten der Natur lassen wir uns von der Musik tragen. Hier hören wir so laut Musik, wie wir wollen. Weder stören wir unfreiwillige Zuhörer noch müssen wir ungebetene Gäste beherbergen. Die Töne schallen über den ganzen See und werden Teil der Nacht. Wir gleiten weiter, umgeben von Freunden, Musik und der Natur.


