Reden, malen, schweigen

5.1. Das »Berliner Tier«

Elena ist stets elegant gekleidet und schwebt mit ihrer zierlichen Statur feenhaft durch die weiten Ausstellungshallen. Sie gab mir die Anweisung, ein »Berliner Tier« zu malen: ein Satz fällt wie ein Schlüssel in meine Hand.
           
Ihr Blick hält mich. Ihre Hand zeigt auf das Papier.
           
Jetzt folge ich ihrem Auftrag und erschaffe aus losen Pigmenten einen Tierkopf auf dem Papier. Ein menschliches Porträt verliert seine Konturen und wird zu einem Wesen, das nur in den Straßen Berlins existieren könnte. Ein Wesen mit der Wildheit einer Straßenkatze.
           
Ein weiteres Erlebnis taucht auf und erinnert mich an die Zeit direkt nach der Wende. Ich befinde mich in meinem damaligen Gymnasium, welches das treffende Adjektiv »grau« in seinem Namen trägt. Ein Lehrer sitzt mir gegenüber und erinnert mich an eine längst vergessene 5 im Mündlichen, ein unliebsamer Hinweis auf meine Rebellion gegen die fremd auferlegte Routine. Laut und lang gähne ich in Gedanken an diese Zeit.
           
Meine Gedanken wandern weiter und ich befinde mich an einer Bushaltestelle in einem eigenartigen Niemandsland mitten in der Stadt. Straßen kreuzen sich unübersichtlich, Brachen liegen zwischen anonymen Hochhäusern, die vereinzelt zwischen Bauzäunen: eine Fläche ohne Ruf. Ein Bus ohne Umstieg fährt direkt zu meiner Wohnung an den See, ohne das übliche komplizierte Umsteigen wie in anderen Träumen. Klare Wege.