Reden, malen, schweigen

5.4. Pflanzen-Make-up

Der Tag beginnt mit sanftem Licht. Ich befinde mich in einem einsamen Haus in den Bergen und blicke von dort über ein weites Tal, über dem noch der Nebel liegt. In dieser abgelegenen Idylle bin ich in Gesellschaft eines fremden Mannes, dessen Berührungen und Annäherungen mich bald dazu veranlassen, diesem Ort der mich irritierenden Intimität zu entfliehen. Unschlüssig kehre ich noch einmal zu dem Mann zurück, der mich mit einem Lächeln empfängt. In einem unbeholfenen ausgiebigen Geständnis rede ich wie ein Wasserfall, überschwemme ihn mit Gefühlen der Verzweiflung, um ihm zu erklären, dass mir seine Annäherung nicht behagt. Einfacher wäre es gewesen, ihm in wenigen Worten klar zu sagen, dass er seine Finger von mir lassen soll. Doch das traue ich mich nicht.
           
Bald darauf finde ich mich auf dem Weg in eine fremde Stadt wieder, in der Hoffnung, als Mathematik- und Physiklehrerin Fuß zu fassen. Das Vorstellungsgespräch verläuft überraschend positiv. Trotz meiner mangelhaften Qualifikation in diesen Fachbereichen werde ich zu einem weiteren Gespräch eingeladen. Auf der Rückfahrt treffe ich zwei Kolleginnen, denen ich meine Unsicherheit anvertraue. Doch auch hier muss ich mich verstellen und meine wahren Gefühle verbergen. Eine der Kolleginnen hat einen Preis gewonnen, ich muss mich zu den gemeinsamen Feierlichkeiten begeben und kann der Situation nicht entfliehen. Dieser unvermeidliche Ausflug bringt mich in die unangenehme Situation, von einem der Lehrer umworben zu werden – sein Blick liegt wie eine Hand unter den Augen der anderen.
           
Inmitten dieser Ereignisse tauche ich in eine weitere Szene ein, die mein Unbehagen auf eine neue Ebene hebt. Eine Schülerin malt die Blätter einer Pflanze in einem Tarnbeige, um sie vor dem sandigen, ebenfalls gemalten, Untergrund zu verbergen. Dieses Pflanzen-Make-up erregt in mir eine tiefe Abneigung. Unter der aufdringlichen Aufmerksamkeit des flirtenden Lehrers und der beobachtenden Blicke während der Feierlichkeiten fällt es mir schwer, meine mangelnde Aufrichtigkeit zu unterdrücken.